Christian Rieger

personal Blog

Die Lücke im System

| 1 Kommentar

Eigentlich ist es eine uralte Frage: “Wieviel Geld sollte ein Angestellter/Arbeiter/Manager etc. bekommen. Wieviel ist Arbeit wert?”

Seit den Begriffen “Generation Praktikum”, “Working Poor” und Büchern wie z.B. “Scratch Beginnings” kam dieses Thema hin und wieder,  in unterschiedlichen Ausprägungen, ans Tageslicht. Ich habe mir mal die Mühe gemacht ein wenig zu recherchieren und mir selbst einige Fragen dazu zu stellen.

Erstmal ist natürlich wichtig zu schauen wo alles beginnt wir nehmen jetzt mal das Elternhaus wobei das eigentlich kein optimal Startpunkt ist. Wir haben in Deutschland das Glück,  dass Bildung nur indirekt Geld kostet (öffentliche Verkehrsmittel zur Schule, Mappen, Blöcke, Stifte, Taschenrechner etc.) heißt also Schulbildung ist nur selten Frage des Haushaltseinkommens einer Familie aber an dieser Stelle werden Grundsteine gelegt. 2 simple Annahmen sind möglich:
A) ein Kind hat durch Erziehung etc. keinen Ansporn die eigene Situation zu verbessern, optimieren oder zu halten
B) ein Kind lernt frühzeitig, dass die eigene Situation optimiert werden kann und tut einiges dafür.

Jetzt stellt sich die Frage ob man studiert oder eine Ausbildung beginnt. Das Prinzip der klassischen Ausbildung gibt es in dieser Form bekanntlich nur in wenigen Ländern, den größten Anteil Auszubildender dürfte Deutschland haben. Hier die erste Fragestellung: Warum gibt man klassischem “on the job training” sprich learning by doing mit Festanstellung kaum eine Chance? Es gibt nun einmal Fälle, in denen lernen Jugendliche während der Schulzeit allerhand Sinnvolles durch private Interessen und Hobbies. Sei es Webdesign, Schrauben an Autos, Schreiben von Texten etc.
Sollte man also auf die Idee kommen direkt nach der Schule eine Festanstellung zu suchen wir man zwangsläufig mit der Frage konfrontiert: “Was haben Sie denn studiert oder was für eine Ausbildung haben sie gemacht?” Kann man hier nichts vorweisen hat man in den meisten Fällen bereits verloren.

Studium
Wohl erste Wahl wenn man sein Abitur erfolgreich bestanden hat aber hier lauern die ersten Hürden. Was studieren? Wie finanzieren?


Die Entscheidung für das “was”  wird häufig durch die privaten Interessen beantwortet, in manchen Fällen ist es eher bedarfsorientiert. Was braucht der Markt, womit kann ich also meine Zukunft sichern.

Wie finanziert man den Spaß? Nunja entweder hat man Glück und bekommt ein Stipendium oder die Eltern kümmern sich um das gröbste. In den beiden Fällen: Glück gehabt. Für den Fall, dass man weniger Glück hat bieten sich noch die Kombination aus Bafög und Arbeit. Die passende Arbeit findet man häufig auf Internetseiten für kostenlose Kleinanzeigen. Zwar kommt es je nach Job und Höhe des Bafögs oftmals dazu, dass das Studium etwas länger dauert aber immerhin studiert man.

Ausbildung
Klingt erstmal solide. Im längsten Fall dauert Sie 3 Jahre, 1 Abschlussprüfung und zwischendurch Berufsschule. Die “was”-Frage stellt sich hier natürlich auch aber die Finanzierung sieht etwas anders aus. Durch die Ausbildungsvergütung bekommt man erstmal Geld, für den worst-case gibt es Berufsausbildungsbeihilfe von der ARGE (der Betrag ist aber auch eher ein Witz und dient im Zweifel dazu, dass man auch hin und wieder was warmes essen darf ) und muss alle 18 Monate neu beantragt werden. Dazu kriegt man 4 Schreiben die jeweils auszufüllen sind von: Mutter, Vater, Vermieter, Arbeitgeber. Nach Angaben was wie viel kostet und wer wie viel verdient errechnet sich an BAB-Satz. In hatte damals stolze 118€ und wenn man bedenkt, dass mein damaliges Gehalt gerade mal reichte um die Miete zu zahlen ist das schon besser als nichts. Bekam ich aber auch nur für 18 Monate, danach konnte ich sehen wie es voran geht.

Da sehe ich ein weiteres Problem: Die Annahme der Ausbildungsvergütung ist, dass ein Auszubildender ja nicht zwangsläufig ausziehen muss und er ja nicht die Arbeiten machen kann, die ein normaler Angestellter macht da sein Erfahrungsschatz zu gering ist. In meinen Augen beides völliger Unsinn. Klar kann man bei den Eltern wohnen bleiben, nur fraglich ob man dort auch die Ausbildung bekommt die man möchte.
man hat ebenfalls das Problem, dass man 40 Stunden die Woche arbeitet und ein 2. Job somit nur abends und nachts in betracht zu ziehen ist. Hinzu kommt das Wettbewerbsverbot.

Danach
Hat man eine dieser Hürden genommen kann man im besten Fall voll durchstarten. Gut man zahlt noch ein paar Jahre Bafög zurück (Studium) oder schlägt sich noch einige Zeit mit dem Dispokredit rum (Ausbildung) aber man hat schon einmal was in der Tasche. Nach der Ausbildung hat man in aller Regel gute Chancen im Unternehmen zu bleiben, man kennt sich weil man ja schließlich 3 Jahre dort war und wenn die Arbeitsleistung stimmt darf man für vernünftiges Geld das Gleiche tun was man vorher 3 Jahre mit Niedriglohn gemacht hat.

Als Student tingelt man erstmal von Praktikum zu Praktikum (hat ein wenig was von Wohnungsbesichtigungen in Großstädten) und wenn man Glück hat, darf man irgendwo bleiben und für mehr als 200-700 € arbeiten.

Meine Meinung
Beide Systeme sind ziemlich krank, das Studium noch eher vertretbar weil man die Möglichkeit hat, näher an der Realität Blicke nach links und rechts zu wagen und dazu ein nicht so enges Zeitfenster hat . Die Berufsausbildung geht leider in “neuen Branchen” völlig an der Realität vorbei. Es gibt einen Plan der IHK und an den hat man sich zu halten. Jetzt frag ich mich wie man als z.B. IT-System-Kaufmann bei einem IT-Dienstleister was über Lagerkennzahlen lernen soll? (nur eines von vielen Beispielen). Das Berufsschulzeugnis gibt am Ende Auskunft darüber wie gut ich in der Berufsschule Stoff aufsaugen und zeitnah wieder ausspucken kann.  Das Zeugnis das der Arbeitgeber ausstellt ist schon eher wichtig.

Ich glaube, dieses Land ist auf gutem Wege seine High-Potentials zu verlieren. Das ist nicht Schuld der Regierung sondern der Unternehmen. Praktikanten werden in Agenturen in rasanter Geschwindigkeit verheizt, Auszubildende sehen keine Perspektiven bzw. nur sehr wenig Aufstiegschancen und was daraus resultiert sind Arbeitnehmer die mit 30 resigniert haben und nur Dienst nach Vorschrift machen.

Ich persönlich habe das große Glück, dass ich  mittlerweile wieder in der Lage bin mir solide Zukunftsgedanken im Bereich Freelancing bzw. Selbstständigkeit zu machen. So ca. nach Ende meines ersten Ausbildungsjahr sah das ganze noch etwas anders aus.  Damals mit einer Durchschnittswoche die mehr als 40 Stunden hatte, einem Job der mir keinen Spaß machte, arbeiten an der kurzen Leine und über die Dauer von 1 Jahr das tägliche Abendbrot aus Wahlweise: Instant Nudeln, Dosensuppen, Müsli oder Brot.
Zwar weiß ich, dass ich noch nicht am Ziel bin aber ich weiß, dass ich den Willen habe  große Schritte in die richtige Richtung zu machen und ich einfach weiß wie ich es nicht will. Dank dafür an meinen jetzigen Arbeitgeber, der einen maßgeblichen Einfluss darauf hatte, dass ich wieder weiß wohin ich will. Zwar lebt man als Auszubildender über die Zeit von 2-3 Jahren unter der relativen Armutsgrenze aber vielleicht sorgt genau das für den nötigen Biss und Ehrgeiz etwas anderes erreichen zu wollen.

We’ll see ;)

Ein Kommentar

  1. Warum schreibst du soviel, wenn es keiner kommentiert?
    Gibt es von dem Text auch eine Zusammenfassung.

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